Zusammenspiel von Nerv und Muskel

Dr. Dieter Zittlau

Über die inter- und intramuskuläre Koordination


Je besser das Zusammenspiel zwischen Nerv und Muskel funktioniert, desto größer ist die mögliche Kraftentfaltung. Ein Zuwachs an Muskelmasse ist hierzu erst einmal nicht nötig. Jeder Anfänger in einem Studio wird dieses Phänomen bereits am eigenen Leibe beobachtet haben. In den ersten Wochen, kann man in fast allen Übungen beständig die Belastung steigern, und gelegentlich sollte sogar der Trainer den Ehrgeiz etwas bremsen, damit man des Guten nicht zuviel tut. Doch der Blick in den Spiegel zeigt auch nach Wochen das gleiche frustrierende Bild: kein sichtbarer Muskelzuwachs. Verantwortlich für den raschen Kraftzuwachs ist das, was wir als intermuskuläre Koordination bezeichnen. Damit meinen wir das Zusammen- bzw. Gegeneinanderwirken aller an einer Übung beteiligten Muskeln. Jeden Muskel, der in Bezug auf einen anderen Muskel einen gegenteiligen Bewegungseffekt hat, bezeichnet man "Antagonisten". Wenn also ein Muskel (z.B. der Bizeps) kontrahiert, so wird automatisch sein Antagonist (der Trizeps) gedehnt. Hingegen bezeichnet man einen Muskel, der einen anderen Muskel in seiner Bewegungsausführung unterstützt als "Synergisten". Eine maximale Kraftentfaltung ist nun u.a. davon abhängig, daß dieses Zusammenspiel von Synergisten und Antagonisten so gut funktioniert, daß sowohl die Abfolge der Kontraktionen der Synergisten als auch die abgestufte Anspannung der Antagonisten sich optimal ergänzt. So wird z.B. der Bizeps beim Bankdrücken eher als Antagonist auftreten, andererseits ist seine Anspannung für die Stabilität der Bewegung unerlässlich. Wird er allerdings zu stark angespannt, so wird wiederum der für den Erfolg ausschlaggebende Trizeps in seiner Arbeit zu stark behindert. Diese intermuskuläre Koordination kann man dadurch verbessern, dass man die Übung bereits im Geiste vorwegnimmt und sich sodann schrittweise an das Maximalgewicht herantastet. Bildlich gesprochen gibt man damit seinen Muskeln Gelegenheit, sich untereinander "abzusprechen". Sehr anschaulich wird die mangelnde "Absprache" der Muskeln, wenn man Anfänger an Übungen mit freien Hanteln beobachtet (was stets nur unter fachkundiger Aufsicht geschehen sollte). Wenn z.B. ein Neuling auf der Bank liegend eine Langhantel nach oben drückt, hat man bisweilen das Gefühl, dass er vergessen hat, wo oben ist. Erst nach etlichen Wochen stabilisiert sich der anfängliche "Schlingerkurs" der Hantel, womit jetzt natürlich auch größere Gewichte möglich werden. Sicherlich ist auch dies ein Grund, warum man Anfängern zunächst das Training an einer Maschine empfiehlt, wo der Weg der Muskelarbeit weitgehend vorgezeichnet ist. Eine weitere Möglichkeit einer ökonomischeren Zusammenarbeit von Nerv und Muskel zeigt sich erst nach einem regelmäßigen Training über längere Zeiträume. Eine Verbesserung des Zusammenspiels aller motorischen Einheiten innerhalb eines Muskels, der intramuskulären Koordination, findet sich erst bei guttrainierten Athleten. Denn hierbei minimiert der Körper den Aufwand, den er für eine Leistung zu erbringen hat. Dies gilt zumindest für Aufgaben mit geringer bis mittlerer Intensität, denn hier schaltet der trainierte Muskel nur so viele motorische Einheiten, wie für die jeweilige Leistung notwendig sind. Bei hohen Leistungen hingegen "weiß" der austrainierte Muskel, was nun von ihm verlangt wird. Man geht davon aus, daß es durch ein entsprechendes Training zu einer gleichzeitigen Aktivierung von bis zu 80% der motorischen Einheiten eines Muskels kommen kann. Auf der anderen Seite kommt es aber intramuskulär auch zu einer Ökonomisierung, d.h. daß für eine submaximale Leistung nur noch soviel Einheiten angespannt werden, wie zur Erreichung des Ziels notwendig ist. Ein gut trainierter Muskel erbringt also nun die gleiche Leistung mit viel geringerem Aufwand. Auch auf diesem Wege lässt sich also ein Kraftzuwachs ohne Muskelzuwachs erzielen. Die effizienteste Trainingsmöglichkeit dieser Komponente der Kraft ist das Training mit Belastungen zwischen 3 und 5 Wiederholungen. Diese Art der Belastung vernachlässigt allerdings die Kraftausdauer und die damit verbundene gute Durchblutung der Muskulatur.

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