Training und Biorhythmus

Dr. Dieter Zittlau

Okkulter Schwindel oder wissenschaftliche Tatsache?


Geschäftstüchtige Scharlatane und methodisch halbgebildete Wissenschaftler preisen seit einigen Jahren eine Biorhythmus-Theorie an, deren bestechendes Merkmal in der sehr simplen und damit gutverständlichen Präsentation von drei Kurven besteht, die jeweils die Leistungskraft von Geist, Seele und Körper repräsentieren sollen. Jeder Naturwissenschaftler müsste sofort aufhorchen, wenn er hört, dass die einzige Größe, die in die Berechnung dieser drei Kurven eingeht, das Geburtsdatum des Opfers (auch als Kunde bezeichnet) ist und dass alle drei Kurven dimensionslose Größen darstellen, d.h. das, was hier unter Leistungsfähigkeit verstanden wird, ist überhaupt nicht in messbarer und überprüfbarer Weise definiert. Hätte man gleich die Sterne oder den Kaffeesatz befragt, wäre die geistige Heimat dieser Theorie wohl schnell deutlich geworden. Mit diesem okkulten Schabernack hat man allerdings der biologischen Biorhythmus-Theorie einen erheblichen Schaden zugefügt, denn im Grunde ist es natürlich nicht zu leugnen, dass es einen Biorhythmus gibt, d.h. dass bestimmte Funktionen unseres Organismus regelmäßigen zeitlichen Schwankungen unterliegen. Aus naheliegenden Gründen sind diese Abhängigkeiten wesentlich komplexer als bei der eben erwähnten Theorie, dafür sind die Ergebnisse aber nicht weniger interessant und geradezu brisant für die eigene Trainingsgestaltung. In einer Studie, die H. Oschütz zum Thema "Chronobiologie" vorgelegt hat, wird darauf hingewiesen, dass z.B. die Körpergröße, die Körpertemperatur, die Reaktionsgeschwindigkeit und natürlich auch die Körperkraft unterschiedlichen Rhythmen gehorchen, die bedauerlicherweise aber nicht für alle Menschen gleich sind, denn die allen Frühaufstehern bekannte Unterteilung in "Morgentypen" und "Abendtypen" konnte auch in wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigt werden. Dennoch lässt sich - mit einer leichten Ungenauigkeit - sagen, dass z.B. die maximale Greifkraft zwischen 17 und 19 Uhr erreicht wird, die maximale Unterarm-Beugekraft sogar erst gegen 22 Uhr, mit zwei kleineren "Hochs" gegen 9 und gegen 15 Uhr. Die Körpertemperatur erreicht ihr Maximum gegen 18 Uhr. Diese hohe "Betriebstemperatur" ist für Höchstleitungen im Sport allgemein vorteilhaft. Damit zusammenhängend erreichen auch die Muskeldurchblutung und die Enzymwirkungen, sowie Herzfrequenz, Atemfrequenz und Blutdruck ihre maximalen Werte gegen 18 Uhr. Auch Versuche zur Maximalkraft ergaben am Nachmittag ein Maximum, in den Morgenstunden hingegen ein Minimum. Diese Trends bestätigten sich auch in weiteren Untersuchungen, so dass wir schließlich zu dem Ergebnis kommen, dass ein isometrisches Krafttraining wahrscheinlich am Nachmittag und am Abend den besten Muskelzuwachs erzielt. Wer hingegen Vormittags trainieren muss, sollte sein Training besser auf 10 Uhr als auf 12 Uhr legen. Auch für Ausdauersportarten empfiehlt sich eine Trainingszeit zwischen 17 und 19 Uhr, bei einem morgendlichen Training scheint der Trainingserfolg um einiges geringer zu sein.

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