Sex und Bodybuilding

Dr. Dieter Zittlau

Ist Bodybuilding unanständig?


Angeblich hatten wir schon vor über einem Jahrzehnt eine sexuelle Revolution, die uns die Befreiung von starren und unsinnigen Tabus und Männern und Frauen ein neues - lustvolleres - Selbstverständnis bringen sollte.

Unter dem Strich ist daraus nicht mehr geworden als ein wenig erotische Makulatur. Es regt sich heute zwar keiner mehr darüber auf, wenn Zeitschriften auf der Titelseite blanke Busen präsentieren und die Werbung immer unverhüllter ihre Produkte mit nackten Tatsachen garniert. Ein wenig moralische Empörung ummantelt allenfalls noch die Kritik an dilettantischen Sexspielchen im Fernsehen, aber ansonsten darf man heute getrost seine Geschlechtsmerkmale der Öffentlichkeit präsentieren, ohne dass in jedem Falle der Staatsanwalt gerufen wird.

Was jedoch ist mit solchen "Freiheiten" gewonnen, ist dadurch das Sexualverständnis tatsächlich freier geworden? Tatsächlich befindet sich doch die Mehrzahl der Bundesbürger in der Situation von lizenzierten Schlüssellochguckern, die mit voyeuristischem Genuss auf solche Dinge herabschauen, die "anständige" Menschen nach wie vor nicht tun würden.

Solch doppelte Moral trifft natürlich auch die Bodybuilder, denn warum sollte man darüber schweigen, dass Bodybuilder und Bodybuilderinnen bei ihrer Präsentation mittlerweile auch kurz vor der Textilfreiheit stehen. Für die Bodybuilder und ihre Fans ist das auch selbstverständlich, denn warum soll man seinen in vielen mühsamen Jahren geformten Körper verstecken, warum - und jetzt kommen wir zum Thema - soll man verbergen, dass Bodybuilding sehr viel mit Sex zu tun hat?

Diese offenkundige Präsentation des eigenen Körpers, diese ehrliche und exhibitionistische Lust ist jedoch den Gesitteten unseres Landes nach wie vor suspekt wenn nicht gar ungeheuerlich. Wer gegen diesen ungeschriebenen Codex verstößt, gilt zwar mittlerweile nicht mehr als Ausgestoßener, und Bodybuilding-Zeitschriften werden ja schließlich nicht unter dem Ladentisch verkauft, aber er zeigt doch, dass er zu "denen da" gehört, und "die da", das sind eben andere als die anständigen Bürger unseres Landes. Wie weit unsere abgeklärte Toleranz reicht, durfte ich eines Tages am eigenen Leibe erfahren, als ich mich, nichts Böses ahnend, einige Male für Illustrierte und Tageszeitungen mit bloßem Oberkörper präsentiert hatte. Die Reaktionen auf diese Artikel schwankten zwischen Begeisterung auf der einen Seite und dem recht deutlichen Hinweis auf der anderen Seite, dass sich eine solche Verhaltensweise für einen Hochschullehrer nicht "gehört", bis hin zu der Drohung, dass dies meiner weiteren Karriere schaden würde.

Ich sollte an dieser Stelle allerdings auch nicht die eigentliche Motivation der Zeitschriften sowie auch des Fernsehens unerwähnt lassen, die mich unter der Überschrift "Deutschlands klügster Muskelprotz" angeboten hatten. Offensichtlich ist es nach wie vor die gängige Vorstellung unserer breiten Öffentlichkeit, dass Bodybuilder komplett verblödet sind, ansonsten könnte ja ein Fall, in dem es einmal nicht so ist, nicht ein derartiges Aufsehen erregen.

Jedenfalls wurde mir mit einem Male klar, dass sich Bodybuilding schlechtweg nicht mit einem seriösen Lebenswandel verträgt und dass der Bodybuilding-Sport trotz seiner großen Verbreitung für viele noch immer in die Verbannung geschlossener Räumlichkeiten gehört. Das neue Interesse der Medien an muskelbepackten Männern und Frauen spiegelt zwar die Lust der Zuschauer wieder, keineswegs aber deren Verständnis oder gar Akzeptanz.

Aber steigert Bodybuilding denn nun wirklich die sexuelle Anziehungskraft? Der häufig geäußerte Vorwurf, Bodybuilder seien vor allem in sich selbst verliebt, würde diese Frage eher bejahen als verneinen, denn Eros ist Eros, gleich auf wen er sich richtet. Darin etwas negatives zu sehen, wäre erneut ein Indiz für den nur wenig geläuterten Zeitgeist unserer Tage, denn ein großer Teil der psychischen und auch der sonstigen medizinischen Probleme unserer Tage kommt ja gerade daher, dass die meisten Menschen noch nicht einmal sich selber lieben und im steten Wettlauf um Geld, Karriere und Ansehen jede Fürsorglichkeit für sich und andere verlieren. Der Bibelspruch "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" kann ja wohl nur dann seinen Zweck erfüllen, wenn man erst einmal sich selbst liebt. Eines steht jedenfalls fest: da intensives Bodybuilding die Testosteronproduktion anregt, steigt bei der Mehrzahl der männlichen Bodybuilder zumindest die sexuelle Lust. Das Märchen vom impotenten Bodybuilder kommt natürlich jenen gelegen, die ihre Unterlegenheitsgefühle auf diese Weise ausgleichen müssen. An dieser Stelle müssen wir natürlich diejenigen ausnehmen, die sich mit Hilfe anaboler Steroide um Verstand und Manneskraft gebracht haben.

Ist nun aber ein muskelbepackter Körper sexy? In diesem Punkt scheinen sich die Geister gründlich zu scheiden. Fragt man Frauen, wie sie männliche Bodybuilder einschätzen, so scheinen sich die Meinungen schnell zu polarisieren. Während die einen sich angewidert abwenden und erklären, mit solchen "Fleischbergen" nichts zu tun haben zu wollen, sind die anderen voller Begeisterung für einen Körper, der schon von der Optik her Kraft und Überlegenheit ausstrahlt. Ganz Spitzfindige, die sich den Anschein geben wollen, sie hätten über ihr Vorurteil gegen Bodybuilder sogar nachgedacht, argumentieren mit der "Maßlosigkeit" der Körperentwicklung, freilich ohne sich in gleicher Weise über die Maßlosigkeit aufzuregen, die man begeht, wenn man wider die menschliche Natur überhaupt keinen Sport betreibt. Sind denn nun weibliche Bodybuilder sexuell attraktiver als ihre bequemeren Kolleginnen? Auch hier lässt sich nur schwerlich eine Antwort geben. Fragt man die Männer nach ihrer Meinung, so ergibt sich zunächst einmal eine deutliche Abhängigkeit davon, ob sie selber Bodybuilding betreiben oder nicht. Die Männer, die selber Bodybuilder sind, sind weitaus eher bereit, diesen Sport auch bei Frauen zu tolerieren oder sogar attraktiv zu finden. Wer als Mann hingegen unsportlich ist, dem jagt die Vorstellung von einer ihm körperlich weit überlegenen Frau natürlich einen Schauer durch sein archaisches Rollenverständnis. Männliche Bodybuilder werden durch solche Vorstellungen selbstverständlich nicht gequält, aber auch sie beklagen mitunter bei ihren weiblichen Sportkolleginnen den Verlust so genannter "weiblicher Attribute", insbesondere das Verschwinden der weiblichen Brüste. Wohingegen das Bodybuilding den Reiz an Beinen und Gesäß eher erhöht, scheinen Brust und Arme bei den Frauen aus der Sicht der Männer unter dem Einfluss des Krafttrainings eher "Schaden zu nehmen".

An dieser Stelle werden mir diejenigen, für die die dieser Artikel nicht geschrieben wurde, entgegenhalten, dass Männer in solchen Dingen "immer nur an das Eine" denken. Recht haben sie: Natürlich wird ein gesunder junger Mann beim Anblick einer attraktiven Frau (sowie ein Homosexueller beim Anblick eines attraktiven Mannes) stets in irgendeiner Weise an Sex denken, und wenn er das Gegenteil behauptet, so ist er entweder ein Heuchler oder eben nicht gesund und jung. Das gleiche gilt in etwas abgeschwächter Form sicherlich auch für die Frauen, wenngleich sie auf Grund der biologischen Entwicklung der Menschheit nicht so sehr auf das Auge fixiert sind wie die Männer, deren Überleben in der grauen Vorzeit wesentlich von der Funktionstüchtigkeit ihrer Augen abhing. Frauen sind auch auf den anderen Kanälen der Wahrnehmung "reizbar", also über das Ohr und den Geruch. Männer sind in diesen anderen Bereichen zumeist recht unsensibel, was erklärt, warum sie bei einer Frau vor allem auf das Aussehen achten.

Die Attraktivität als solche jedoch ist bei beiden Geschlechtern an den Sexualtrieb gebunden. An welchem angeborenen Trieb soll sich die Attraktivität zwischen den Geschlechtern denn sonst festmachen, wenn nicht am Sexualtrieb? Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jeder beständig nur danach trachtet, mit irgendeinem anderen, den er attraktiv findet, sofort sexuell aktiv zu werden, soweit unterscheidet sich der Mensch eben vom Tier. Es hat jedoch keinen Sinn, die Natur der Sache zu vertuschen, denn Triebe lassen sich beherrschen aber nicht negieren.

Kommen wir noch einmal zurück zum Bodybuilding: Da dieser Sport wie kein anderer das "Äußere", die körperliche Erscheinung beeinflusst, ist er auch wie kein anderer in der Lage, das sexuelle Selbstwertgefühl zu heben. Es mag sogar etwas Wahres an dem gängigen Vorurteil sein, dass der eine oder andere mit Bodybuilding beginnt, weil er an irgendeinem Minderwertigkeitsgefühl leidet. Offensichtlich ist aber die "Therapie" Bodybuilding in diesen Fällen durchaus erfolgreich und geeignet, mit sich und der Welt wieder ins Reine zu kommen. Wer Bodybuilding betreibt, muss also gar nicht unmittelbar und für andere sexuell attraktiver werden. Es genügt vielmehr, wenn er sich in Folge dieses Trainings selbst als attraktiver einstuft und dieses verbesserte Selbstwertgefühl auch nach außen strahlt. Dies allein wird so manchem helfen, seine sexuellen Beziehungen konfliktfreier und erfolgreicher zu gestalten.

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