Der Körper als Kunstwerk

Dr. Dieter Zittlau

Im Bodybuilding wird nicht nur trainiert und Muskelmasse aufgebaut. Im Bodybuilding wird der Körper zu einem Kunstwerk erhoben


Schon vor 400 Jahren hat der Philosoph Francis Bacon auf die Vorzüge einer regelmäßigen körperlichen Anstrengung hingewiesen: "Denn diejenigen, die in gesunden Tagen ihren Körper durch Anstrengung stählen, können in den meisten nicht sehr bösartigen Krankheiten durch bloße Diät und Pflege geheilt werden." (1) In dem Moment jedoch, wo sich die Pflege des Körpers verselbständigt hat und die gezielte Formung des Körpers im Bodybuilding zu einer eigenen Sportart geworden ist, sah sie sich plötzlich einer großen Schar von Kritikern ausgesetzt. Vor etwa 100 Jahren schrieb Eugen Sandow, einer der Wegbereiter des modernen Bodybuilding: "Als ich zuerst begann, das Evangelium von Gesundheit und Kraft zu predigen, ging die allgemeine Tendenz dahin, mich lächerlich zu machen. Einige Leute nannten mich einen Narren, andere einen Scharlatan, nur sehr wenige nahmen sich die Mühe, einmal zu sehen, was denn an meinen Theorien wahr sei, um an sich selbst deren Wahrheit und Falschheit zu bezeugen." (2)

Aber auch mehr als ein Jahrhundert später werden Bodybuilder immer noch mit Vorwürfen konfrontiert, die allerdings bisweilen die seelische Schieflage der Kritiker enthüllen. Wenn z.B. Bodybuildern Eitelkeit und Narzissmus vorgeworfen wird, so ist dies schwerlich zu widerlegen. Warum auch sollte man sich gegen eine solche Feststellung wehren, käme sie nicht im Gewand eines Vorwurfs daher? So aber sei es uns erlaubt darauf hinzuweisen, dass eine gewisse Selbstgefälligkeit notwendiger Bestandteil jedes sportlichen Leistungsstrebens ist, denn warum sonst sollte ein Sprinter Bestzeit laufen, ein Springer die Höchstmarke erreichen oder ein Werfer die größte Weite erzielen? Vom Fußball und einigen wenigen anderen Sportarten abgesehen ist mit sportlicher Leistung in der Regel nicht so viel Geld zu verdienen, dass es den Grundstock einer entsprechenden Motivation bilden könnte.

Jeder, der sich eines Tages entschließt, Bodybuilding zu betreiben, sollte wissen, dass er damit eine der umfassendsten Formen der Körperertüchtigung gewählt hat, die es gibt. Keine weitere Sportart trainiert so gezielt so viele Muskeln wie das Bodybuilding, keine lässt den Erfolg des Trainings so "augenscheinlich" hervortreten. Ein Sprinter muss auf gelaufene Zeiten verweisen, ein Fußballer auf seine Tore oder sein Einkommen, ein Bodybuilder hingegen braucht nur seine Muskeln anzuspannen, um die Früchte seiner Bemühungen zu spüren.

Es gehört große Willenskraft und Überwindung dazu, einen muskulösen Körper aufzubauen, weil viele hundert oder gar tausend Stunden harten Trainings dazu erforderlich sind, um aus dem Rahmen allzu bescheidener Bemühungen hervorzutreten. Wenn man nun versucht, die Freude an der Gestaltung des eigenen Körpers zur dummen Eitelkeit herabzuwürdigen, versucht man offensichtlich, das Klischee des Bodybuilders als herausgeputzten, hirnlosen Angebers zu pflegen, dessen im Gegensatz zu anderen Sportarten "nutzlose" Muskulatur bestenfalls zu urzeitlichem Imponiergehabe in so genannten "Körpertempeln" (sprich: Sportstudios) taugt . Ein solcher Einwand übersieht allerdings, dass es gerade das Privileg des Menschen und einiger intelligenterer Tiere ist, auch Dinge tun zu können, die nicht (im Sinne des Überlebens) zweckmäßig sind, und dass, wenn es denn sinn- und zwecklos wäre, das Bodybuilding durchaus etwas mit künstlerisch-schöpferischer Tätigkeit gemeinsam hätte, gleichsam der Körper zum Kunstwerk würde.


(1) F. Bacon: "Über die Pflege der Gesundheit" in: Essays, Ausgabe Leipzig 1967
(2) Eugen Sandow: Kraft und wie man sie erlangt, 1904 (Reprint Hannover 1993)


Zurück