Neue anabole Wirkstoffe?

Dr. Dieter Zittlau

Neuheiten auf dem Muskel-Markt skeptisch betrachtet


Alle Jahre wieder wird der Markt mit neuen Präparaten überschwemmt, die schöner, stärker oder potenter machen sollen. Vor übertriebenen Versprechungen schrecken die Produzenten oder Vertreiber dieser Substanzen selten zurück, fast immer gibt es Gutachter, die den angeblich neuen Stoffen eine wundersame Wirkung zuschreiben.


Bei den meisten Mitteln, die für die Zielgruppe der Kraftsportler frei oder im Untergrund, auf jeden Fall außerhalb des medizinischen Weges vertrieben werden, geht es darum, den Testosteron-Spiegel anzuheben. Dies galt für diverse freie Aminosäuren (bei denen man zumindest kaum etwas falsch machen konnte), und dies gilt auch für Mittelchen wie Androstene oder Tribestan. Eine Recherche des Autors im Internet förderte unzählige Werbeseiten mit enormen Versprechungen zu Tage, jedoch leider kaum seriöse Quellen. Damit bleibt für den Verbraucher zunächst vorsichtige Skepsis. Dies bedeutet nicht vorschnelle Ablehnung, sondern vielmehr vorsichtiges Abwarten. Ich kann mich erinnern, daß ich selbst dem Vitamin E -Boom vor etlichen Jahren grundsätzlich positiv aber doch in seinen Ausmaßen skeptisch gegenüber gestanden habe. Mittlerweile mußte ich mich überzeugen lassen, daß dieses Vitamin in Dosierungen, die ich damals für überflüssig hielt, offenbar doch ernstzunehmende gute Wirkungen zahlreicher Art aufweist. Auch den genannten neuen Substanzen stehe ich skeptisch gegenüber, ich bin aber durchaus bereit mich von der Ernsthaftigkeit dieser Stoffe überzeugen zu lassen. Ich möchte an dieser Stelle jedoch nicht verschweigen, welche Punkte neben der geschäftstüchtigen Parteilichkeit der bisherigen Veröffentlichungen meine Skepsis begründen.

1. Die genannten Substanzen versprechen einen teilweisen immensen Anstieg des Testosteron-Spiegels. Selbst wenn dies so sein sollte, ist dessen Auswirkung auf ein Muskelwachstum zumindest zweifelhaft, denn bekanntlich zählt Testosteron zu den schwächsten Doping-Mitteln. Testosteron ist für ein Muskelwachstum zwar unerläßlich, ein Anheben des Testosteron-Spiegels durch die Verabreichung reinen Testosterons bringt jedoch nur geringe Erfolge. Warum sollte das bei Mitteln, die genau das versprechen anders sein?

2. Zumindest Tribestan wird von den Vertreibern unverhohlen in Konkurrenz zu Viagra gesetzt. Das ist zwar werbewirksam, hinterläßt jedoch einen schalen Beigeschmack. Ist man hier Trittbrettfahrer einer ungleich populäreren Droge?

3. Selbst die Vertreiber von Androstenen geben zu, daß es derzeit noch keine Langzeitstudien gibt. Frühere Erfahrungen beruhen auf der Verabreichung als Nasenspray an Sportler der ehemaligen DDR. Das ist nicht unbedingt eine Empfehlung für gesundheitliche Unbedenklichkeit.


Was jedoch versprechen diese Mittel?


Androstene

Androgene ist eine Sammelbezeichnung für die männlichen Sexualhormone, deren berühmtestes das Testosteron selbst ist. Androstene enthalten das Steroidhormon Androstendion, welches in geringen Mengen von der Nebennierenrinde und vom Ovarium bebildet wird. Es stellt eine Zwischenform des DHEA (Dehydroepiandrosteron) und Testosteron dar. In der Leber soll es zu Testosteron metabolisiert werden. Bei oraler Einnahme soll es nach bereits 15 Minuten je nach Dosierung für etwa drei Stunden zu einer Verdoppelung bis Verdreifachung des natürlichen Testosteron-Spiegels führen. Für die Antwort, wie oft man auf Grund der kurzen Wirkungszeit demnach das nicht gerade billige Präparat "nachschieben" muß, scheint bislang kein Autor die Verantwortung übernehmen zu wollen. Vorsichtig empfiehlt man deshalb eine Einnahme nur kurz vor einer körperlichen Höchstleistung.


Tribestan

Vollmundiger geht es bei der Werbung für Tribulus zu Gange. Dieses Extrakt aus der Kletterpflanze tribulus terrestris besitzt als Stimulanz immerhin schon einige Tradition in Europa. Hier steigt der Testosteron-Spiegel zwar angeblich nur um 30%, dafür soll die pflanzliche Droge aber die schönsten Auswirkungen auf den menschlichen Geschlechtstrieb haben. Ob die zusätzlich versprochene Wirkung der verbesserten Qualität des männlichen Spermas tatsächlich in der Absicht potentieller Anwender liegt, lasse ich hier offen. Jedenfalls wird hier zusätzlich noch eine positive Wirkung auf das Immunsystem beschrieben, eine verbesserte Regenerationsfähigkeit, ein erniedrigter Cholesterinspiegel, mehr Selbstbewußtsein und bessere Stimmung. Mit anderen Worten: Die Lösung der meisten Probleme für das anstehende Jahrtausend.

Die Leser mögen mir diesen launigen Kommentar verzeihen, aber im Gegensatz zu vielen anderen Autoren war und bin ich ein Skeptiker. Diese Skepsis verfolge ich jedoch konsequent. Sollte sich herausstellen, daß die Nebenwirkungen unbedenklich und die Wirkungen insgesamt positiv (wenngleich vermutlich geringer als in den derzeitigen Versprechungen) sind, so werde ich dazu einen korrigierten Artikel schreiben.

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