Mit aller Gewalt zu mehr Muskeln

Dr. Dieter Zittlau

Anabolikamißbrauch bei Jugendlichen


Kürzlich wurde ich in einem Sportstudio von zwei 16 und 17 Jahre alten Jugendlichen angesprochen. Die beiden hatten ihr gesamtes Taschengeld über mehrere Monate gespart und sich von diesem Geld für etliche hundert Mark auf dem Schwarzmarkt eine "Anabolikakur" gekauft. Was sie nun allen Ernstes von mir wissen wollten war, was sie denn nun eigentlich gekauft hatten, d.h. ob der "Stoff" das eingesetzte Geld auch wert war. Obwohl ich grundsätzlich gegen den Einsatz von Anabolika bin und dies auch allgemein bekannt ist, schaute ich nun notgedrungen auf die Packung und bat daraufhin einen von Ihnen, mir doch einmal die Aufschrift auf der Schachtel vorzulesen. Ich erntete einen Blick voller Unverständnis. "Warum sollen wir Dir das vorlesen?" wurde ich gefragt. Ich beharrte aber auf meiner Bitte, woraufhin Sie sich endlich Ihre teuer erworbene Packung ansahen und feststellten, daß sie in der Tat nicht ein Wort darauf lesen konnten, weil es sich um ein Präparat aus der Türkei handelte und keiner von uns des Türkischen mächtig war. Wie ich dann allerdings aus den international üblichen Bezeichnungen entnehmen konnte, handelte es sich um einfaches Testosteron, eines der ältesten und zugleich wirkungsärmsten Präparate, welches sich die beiden zu einem völlig überhöhten Preis hatten "andrehen lassen". Wie aber kommen nun Jugendliche dazu, sich für ihr letztes Geld ein Präparat zu kaufen, von dem sie gar nicht beurteilen können, worum es sich handelt und das sie sich beim Kauf noch nicht einmal ansehen? Reicht es einfach, wenn ein "Dealer" oder ein "guter Freund" ihnen erzählt, daß man davon in ganz kurzer Zeit ganz viele Muskeln bekommt? Und was kann man gegen diese immer zahlreicheren Auswüchse im Jugendsport tun, also einem Bereich, von dem doch die meisten Eltern hoffen, daß ihre Kinder gerade dort gut aufgehoben sind?


Doping ist Drogenmißbrauch

Seit sich in der Sportgeschichte der letzten Jahren die spektakulären Dopingfälle häufen, wie z.B. beim positiven Test eines Ben Johnson oder in den Verdächtigungen um die deutsche Hoffnungsträgerin Katrin Krabbe, mehren sich die Stimmen, die einen Gebrauch von Dopingmitteln auch strafrechtlich verfolgt sehen möchten. Ich beanspruche nicht, dieses Problem an dieser Stelle hinreichend klären zu wollen oder zu können, möchte mich jedoch mit einigen Thesen in die aktuelle Diskussion einschalten. Ich habe schon vor etlichen Jahren, als man das Doping noch als rein sportinternes Problem betrachtete, die Einordnung des Dopings in den Bereich des allgemeinen Drogenproblems gefordert (1). Zahlreiche Untersuchungen, die seitdem zu diesem Thema stattgefunden haben, haben meine Einschätzung von damals bestätigt. Als ich im Rahmen eines Drogenseminars von meinen Studenten an der Fachhochschule Interviews mit Drogenabhängigen und mit regelmäßigen Anabolika-Usern durchführen ließ, drängte sich uns der beklemmende Eindruck auf, daß der Unterschied in einigen Verhaltensweisen so groß gar nicht ist, zumal im Gegensatz zu früheren Jahren auch der "normale" Drogenmarkt "leistungsorientierter" geworden ist, wie der Erfolg von Kokain zeigt, welches im Gegensatz zum klassischen Heroin durchaus die Lust zur Aktivität steigert. Nachdem nun auch das Phänomen der Begleitkriminalität bei den Anabolika Einzug gehalten hat, indem gedopte Bodybuilder unter dem Einfluß extremer Anabolikadosierungen Straftaten bis hin zum Totschlag begangen haben, ist der Unterschied zu den sogenannten "harten" Drogen auch in dieser Hinsicht kleiner geworden. Offenbar können Anabolika in größeren Dosierungen in ähnlicher Weise wie manche Rauschdrogen exogene Psychosen mit allen Symptomen wie Wahnbildung, Halluzinationen und Aggressionsausbrüchen hervorrufen und wohl relativ bald auch zu (zumindest psychischer) Abhängigkeit führen. Dies wurde mir auf besondere Weise klar, als ich eines Tages für einen Bodybuilder, der wegen schwerer Straftaten, die er nach eigenen Aussagen unter Anabolikaeinfluß begangen hatte, in einer Haftanstalt einsaß, dort die Einbeziehung in eine Suchttherapie veranlaßt habe, weil dieser Mann nach monatelangem, starkem Anabolikakonsum unter erheblichen Entzugserscheinungen litt.


Jugendliche und Doping. Die falschen Vorbilder?

Betrachten wir ohne Anspruch auf Vollständigkeit einige Fälle aus der Vergangenheit: 1986 wurde der deutsche Gewichtheber Karl-Heinz Radschinsky wegen verbotenen Handels mit rezeptpflichtigen Hormonpräparaten zu einer beträchtlichen Geldstrafe und zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Am 10. April 1987 starb die Siebenkämpferin Birgit Dressel an einem "Cocktail" von Medikamenten, deren Wirkungsweise in dieser Zusammensetzung nicht mehr zu kontrollieren war. Zwei Jahre später wurde bei dem Tour-de-France-Sieger Pedro Delgado beim Dopingtest ein muskelbildendes Hormon entdeckt, das allerdings nicht in den Listen des internationalen Radfahrerverbandes verzeichnet war und dessen Gebrauch deshalb nicht geahndet werden konnte. Die olympischen Spiele von Seoul wurden überschattet von dem Dopingskandal des 100m-Favoriten Ben Johnson. 72 Stunden nach seinem spannenden Duell mit Carl Lewis wurden ihm Goldmedaille und Weltrekord wieder aberkannt, weil in seinem Urin das Anabolikum Stanozolol nachgewiesen worden war. Peinlicherweise war dies geradezu ein Werbelauf für den Stanozolol-Hersteller Winthrop. Bei einer Telefonaktion, die das amerikanische Olympische Komitee zusammen mit einer Tageszeitung unmittelbar nach Aberkennung der Medaille durchführte, wollten die meisten Anrufer nur wissen, wie sie am ehesten an den gleichen Stoff kommen können.

Und auch die folgenden olympischen Spiele kannten neben der ertappten chinesischen Volleyballerin Wu Dan den ein oder anderen Athleten, wie den Sprinter Jason Livingstone, der gar nicht erst antreten durfte, weil er nicht nur Blut in den Adern hatte. Insbesondere in Deutschland sind die Verdächtigungen um die Sprinterinnen Katrin Krabbe und Grit Breuer, die das aus der Rindermast bekannte Clenbuterol genommen haben, gut im Gedächtnis. Selbst die, die auf dem Siegertreppchen stehen dürfen, wie der Goldmedaillengewinner im Superschwergewicht, der Gewichtheber Alexander Kurlowitsch, sind nicht frei von Schuld. So ist Kurlowitsch (ähnlich wie Radschinsky) bereits als Kurier und Händler von Dopingmitteln in Kanada aufgefallen. Die Bodybuilding-Gemeinde trauerte vor einigen Jahren um Mohammed Benaziza, der wenige Stunden nach seinem Grand Prix - Sieg in Den Haag in einem Hotelzimmer verstarb, weil er die Konsequenzen seines Drogengebrauchs falsch eingeschätzt hatte. Insbesondere in der jugendlichen Bodybuilding-Szene hält sich mit beunruhigender Hartnäckigkeit die Meinung, daß man ohne Anabolika keinen perfekten Körper aufbauen kann, und gerade wenn mal wieder ein erfolgreicher Athlet des Dopings überführt wird, scheint dies den Konsum eher zu fördern als zu mindern. Für manche ist dies wie beim "Pfuschen" in der Schule: Es ist grundsätzlich erfolgsversprechend, man darf sich nur nicht erwischen lassen. Aber warum legen Jugendliche überhaupt so viel Wert auf Kraft oder einen perfekten Körper, so sehr, daß sie dafür an ihrem Körper "herumpfuschen"?


Kann denn Leistung oder Schönheit Sünde sein?

Doping ist nichts anderes als Drogenmißbrauch im Sport. Die Motivation des dopenden Sportlers ist jedoch zweifellos anders als die des "klassischen" Junkies, wenngleich in letzter Konsequenz manche verblüffende Parallele und Ä"hnlichkeit besteht. Das Verhalten eines auf Leistung oder Aussehen trainierenden Sportlers ist zumindest in seinem Training in hohem Maße zielgerichtet, d.h. wenn hier Drogen zum Einsatz kommen, so dienen diese einem klar definierten Zweck und die Ziele Leistung oder ein schöner Körper sind darüber hinaus gesellschaftlich akzeptiert. Aber: Wenn alles, was man im Sport macht, dazu dient, die eigene Leistung zu steigern oder das Aussehen zu verbessern, soll man dann auch wirklich alles machen, was dazu möglich ist?

So beklagt die Olympiateilnehmerin Brigitte Berendonk einen allgemeinen Werteverfall durch eine "ins Übermächtige gewachsene Schar von dopingfördernden Funktionären, Politikern, Sportmedizinern, Trainern ... und betrügerischen Sportler(n), die durch ihr Doping dem Leistungssport seine guten Argumente, seine Existenzgrundlage entzogen haben, nämlich Gesundheit und Erziehung, körperliche Integrität und Fairness". Tatsächlich scheint der pharmazeutisch gestützte Leistungssport recht gut existieren zu können. Offenbar sind die von Berendonk zitierten sportlichen Werte nicht ersatzlos gestrichen worden, sondern an ihre Stelle sind Werte wie Erfolg, Leistung und Geld getreten, eben jene Werte also, die unsere Gesellschaft ohnehin in weiten Bereichen bestimmen. Anscheinend vollziehen Sportler - insbesondere Jugendliche - also nur nach, was ihnen in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, z.B. von den führenden Köpfen der Politik und der Wirtschaft, vorgelebt wird.


Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen?

Darüber hinaus beschränkt sich die Schar der Anabolika-User keineswegs mehr auf eine kleine Gruppe von Leistungssportlern. Gedopt wird vielmehr bereits auf unterster Ebene, und hier teilweise noch viel hemmungsloser, denn Kontrollen sind bei kleineren Wettkämpfen nicht üblich. Wenn sich siebzehnjährige Jugendliche im Fitneß-Center oder davor mit Anabolika versorgen, geschieht dies mitunter sogar ohne ausgesprochene Wettkampfambitionen. Ein subjektiv empfundenes körperliches Defizit, das man mit Hilfe der Droge auszugleichen hofft, reicht nach meiner Erfahrung als Motivation völlig aus. Der Wunsch es möglichst schnell mit Film-Idolen aufnehmen zu können, deren Stärke offensichtlich eher in ihren körperlichen Vorzügen als in ihrer intellektuellen Brillanz besteht, ist zunächst einmal "normal" und unterscheidet sich im Grundsatz wenig von den Identifikationswünschen früherer Generationen. Die Figur der "Supermann" oder auch "Supergirl" ist immerhin schon einige Jahrzehnte alt. Neu ist vielleicht allenfalls das Tempo, mit dem man das Ziel erreichen will, dieses "jetzt und sofort", worin die Jugendlichen aber wohl ebenfalls nur die Hektik und Ungeduld der "erwachsenen" Gesellschaft nachahmen. Noch vor wenigen Tagen erzählt mir ein Pärchen, das seit einem halben Jahr in einem Fitneßcenter trainiert, daß sie demnächst beide Anabolika nehmen werden. Beide sehen sehr sportlich aus, sind seit Jahren ambitionierte Surfer und machen nicht den Eindruck, daß sie sich ihrer Figur schämen müßten. Auf meine erstaunte Nachfrage erklären sie mir, sie hätten zwar erkannt, daß man auch mit schlichtem Training Fortschitte macht, aber man könne ja schließlich nicht "ewig" warten, bis sich "was tut". Zu dem "jetzt und sofort" gesellt sich offenbar zunehmend ein "alles oder nichts". Letztlich sind dies Tendenzen, die sich unschwer auch in anderen Bereichen unseres Lebens beobachten lassen und die z.B. in unserer Werbung längst explizit ausgesprochen werden. Bisweilen mutet dies an, als sei die Frustrationstoleranz bereits bei ganzen Generationen im Schwinden. Jedenfalls genügt es nicht, denen die in einem Fitneß-Center trainieren, pauschal unbewältigte Minderwertigkeitskomplexe zu unterstellen, und diejenigen, die darüber hinaus Anabolika einnehmen, einfach für dumm zu erklären. Daß das Streben nach Leistung, Kraft oder besserem Aussehen in der Regel aus einem wie auch immer gearteten Gefühl der körperlichen Minderwertigkeit oder Unzulänglichkeit erwächst, braucht man nicht erst bei dem Psychoanalytiker Alfred Adler nachzuschlagen und kann meiner Ansicht nach von den Betroffenen auch freimütig eingestanden werden. Man muß aber fairerweise zugestehen, daß im Sport und insbesondere in dem figurbetonten Fitneßtraining oder Bodybuilding eine durchaus erfolgversprechende Methode liegen kann, dieses Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren. Wer seine für den eigenen Geschmack zu schmalen Schultern durch Training verbreitert oder den ausladenden Bauch- oder Hüftbereich verschmälert, dem ist ja damit durchaus geholfen. Im Gegensatz zu einigen Psychoanalytikern, die in solchen Fällen gerne noch "tiefergehende" emotionale Probleme vermuten, die durch eine Behandlung der bloßen Symptome nicht gelöst werden, habe ich die Erfahrung gemacht, daß ein solcher aktiver Umgang mit dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit durchaus gelingen kann. Mit dem Hinweis darauf, daß es sich bei den breiten Schultern und der schmalen Taille um modische Figurvorgaben und daher um (medienvermittelte) Ziele von zweifelhaftem Wert handelt, muß man ebenfalls vorsichtig sein. Sogar wenn nun einige glauben, den Weg zu diesem Ziel nur mit Drogen erreichen zu können, bzw. diesen Weg mit Drogen abkürzen zu können, so ist dies eine Verhaltensweise, die ohne weiteres vergleichbar ist mit der eines leistungsbewußten Karrieristen, der für die Erreichung seines beruflichen Ziels gesundheitliche Risiken in Kauf nimmt. Der Wert von Handlungszielen läßt sich nun einmal nicht auf einer Waage auswiegen. Dazu kommt noch, daß für die Verwendung von Dopingmitteln innerhalb der "Szene" auf eine recht subtile Art "geworben" wird.


Anabolika. Die Werbung läuft im Untergrund

Alle hormonellen Anabolika leiten sich von dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron ab. Letzteres hat zum einen eine androgene Wirkung, indem es die Geschlechtsmerkmale bestimmt, und zum anderen eine anabole Wirkung, indem es den Eiweißaufbau der Skelettmuskulatur begünstigt. Die weite Verbreitung der Anabolika im Sport scheint seltsamerweise die Folge einer speziellen Variante des (hoffentlich vergangenen) kalten Krieges zwischen Ost und West, insbesondere zwischen der Sowjetunion und den USA zu sein. Als Testosteron in den fünfziger Jahren erstmals im internationalen Sport von den Russen eingesetzt wurde, konterten die Amerikaner mit dem Einsatz des von CIBA entwickelten Anabolikums Dianabol. Dieses wurde daraufhin unter den Schwerathleten äußerst populär und fand bald auch in anderen Sportarten Verbreitung, ganz besonders im Bodybuilding. Heute sind eine Vielzahl von Anabolika-Präparaten "auf dem Markt", und größere Marktanteile sind pikanterweise häufig die Folge unfreiwilliger (?) "Werbeauftritte", wie z.B. der Sprint-Siege von Ben Johnson oder von recht zweifelhaften, einschlägigen Publikationen, die in der jugendlichen Sportszene als "Geheimtips" weitergereicht werden. Außer zu anabolen Steroiden greifen die Jugendlichen heute gerne zu psychomotorischen Stimulantien, wie den nicht minder weit verbreiteten Amphetaminen, die als Bestandteil zahlreicher "Wachmacher" und Apetithemmer mißbraucht werden, oder zur Modedroge Ecstasy. Diese teilweise mit dem Streß-Hormon Adrenalin verwandten Stoffe regen Herz, Kreislauf, Atmung und Stoffwechsel an, sind aber mitunter so wirksam, daß sie von einem unerfahrenen Sportler gar nicht eingesetzt werden können. In "richtiger" Dosierung führen Amphetamine zu euphorischen Stimmungen und erhöhtem Selbstvertrauen, sie steigern die Lust zur körperlichen Betätigung und Bewegung und verringern das Schlafbedürfnis. Sie sind somit eindeutig leistungssteigernd. Gerade die Dosierung ist aber so problematisch, daß sie von einem Laien kaum beherrscht werden kann, was aber nichts daran ändert, daß derartige Drogen wohl vor allem im Bereich mancher Diskotheken und "Techno-Parties" sich zunehmender Beliebtheit erfreuen. Auch das vegetative Nervensystem läßt sich dopen. Diese Funktion erfüllen die sogenannten sympathomimetischen Amine, zu denen z. B. das schon im Altertum bekannte Ephedrin gehört. Das derzeit "berüchtigste" Sympathikomimetikum ist das Asthma-Mittel Clenbuterol (z.B. in "Spiropent"), daß durch die Sprinterin Katrin Krabbe zu einer traurigen Berühmtheit gekommen ist. Da dieses Mittel zumindest in der Kälbermast bereits "erfolgreich" mißbraucht wurde, haben wir es hier vermutlich mit einer anabolen wirkenden Substanz zu tun, die allerdings kein anaboles Steroid ist. Freimütig bekennt Manfred Bachmann, der Autor einer bemerkenswerten Werbe-Broschüre für Clenbuterol , daß die Einnahme sich für viele Sportler allerdings nicht lohnt, weil diese bereits genügend mit anabolen Steroiden gesättigt sind: "Bodybuilder, die für einen Wettkampf trainieren, nehmen in der Regel genügend Steroide, so daß sich diese von der anabolen Wirkung des Clenbuterol nicht mehr viel versprechen können. Diese Gruppe nimmt Clenbuterol am besten ausschließlich zur Fettverbrennung." Damit aber empfiehlt sich Clenbuterol nicht nur für diejenigen, die große Muskelberge aufbauen wollen, sondern auch für die wahrscheinlich viel größere Zahl derer, die sportlich schlank bleiben oder werden wollen. Daß selbstverständlich auch Clenbuterol Nebenwirkungen wie Herzklopfen, Unruhegefühle, Fingerzittern u.ä. hervorrufen kann, wird nicht verschwiegen, aber dafür nach der Devise "da muß man durch" zur Nebensache erklärt. Wörtlich: "Es ist wichtig die ersten 8 - 10 Tage zu 'überstehen'". In einer mit "Update 1" betitelten Beilage werden sodann verschiedene Hinweise für die Kombination von Clenbuterol mit anabolen Steroiden gegeben.


Die Dealer machen Kasse

Anabolika und andere Dopingmittel werden gekauft um die sportliche Leistung zu steigern oder das sportliche Aussehen zu fördern, und sie werden verkauft, um daran zu verdienen. Daß ärztliche Rezepte die Bedürfnisse des Marktes schon lange nicht mehr befriedigen können, dürfte jedem Insider klar sein. In der bereits erwähnten Clenbuterol-Broschüre wird jedoch Hartnäckigkeit angeraten: "Ist der Arzt trotz allem nicht bereit, Clenbuterol zu verschreiben, lassen Sie sich nicht entmutigen. Gehen Sie zum nächsten Arzt und versuchen Sie es dort." Ansonsten wird unumwunden empfohlen, sich auf dem "Schwarzmarkt" umzusehen, wobei (wem fallen da nicht Parallelen ein?) Hinweise gegeben werden, um den "echten" Stoff zu identifizieren. Da der Vertrieb und Verkauf von Anabolika in Deutschland verboten ist, findet er zwangsläufig in einer Art "Untergrund" statt, der sich ähnlich wie bei anderen Drogen auf bestimmte Stätten konzentriert. Die Hauptumschlagplätze liegen zumeist strategisch günstig dort, wo auch die Nähe zum Endverbraucher gegeben ist, d.h. in einigen "einschlägigen" Sportstudios und Sportstätten. Damit sollen keineswegs pauschal alle Sportstudios als Drogenhöllen verschrien werden, wie so oft trüben aber etliche schwarze Schafe das Bild der ganzen Herde. Wie auch bei anderen Drogen, scheint sich der Handel mit Anabolika zu lohnen. So berichtet Brigitte Berendonk von einem "Dealer-Duo", das pro Jahr über eine halbe Million DM in Steroiden umsetzte, bei einem Gewinn von mindestens 150.000DM. In dem Strafverfahren wurden insgesamt 51 Abnehmer festgestellt, bevorzugt Fitness-Center und Bodybuilding-Studios. Die Kollision mit dem Arzneimittelgesetz (AMG) und evtl. sogar mit dem Betäubungsmittelgesetz (BtmG) kann teuer werden. Verboten ist sowohl die Einfuhr als auch der Handel mit der verbotenen Substanz, im Falle eines Betäubungsmittels auch der Besitz und die Einnahme. So wurde der Gewichtheber Karl-Heinz Radschinsky wegen Handels mit Dopingmitteln zu 18 Monaten Freiheitsentzug (mit Bewährung) und 35.000DM Geldstrafe verurteilt. Vermutlich werden diese Strafen bei dem Anabolikahandel unter dem Strich genau so wenig bewirken, wie die viel schärferen Strafen bei dem restlichen Drogenhandel ausrichten konnten. Letztlich bleibt es in der Verantwortung und der (vernünftigen?) Abwägung des Einzelnen, was er auf dem Weg zum Erfolg für einen Preis zu bezahlen bereit ist


Fazit

Es ist nach meiner derzeitigen Einschätzung nicht notwendig, den Gebrauch von Dopingmitteln als Straftat im Sinne unseres Strafgesetzbuches zu behandeln und damit die immer größer werdende Szene der jugendlichen Konsumenten zu kriminalisieren. Möglich wäre allerdings ein verstärktes Einschreiten gegen den immer größer werdenden Schwarzmarkt. Andererseits wird auch hier die Überlegung einer allgemeinen Legalisierung, also einer Art pragmatischen Kapitulation vor dem Drogenproblem, überlegenswert sein. Insbesondere mit Blick auf unsere Jugendlichen sollte jedoch für den Drogenmißbrauch im Sport eines hervorgehoben werden: Sportler übernehmen in unserer Gesellschaft eine Vorbildfunktion, und dies unterscheidet sie deutlich von irgendeinem Junkie. Darum muß zumindest sichergestellt werden, daß der dopende Athlet sein Ziel, d.h. den Gewinn irgendeiner Meisterschaft, nicht erreicht. Die hartnäckige Assoziation zwischen Doping und Erfolg muß aufgebrochen werden. Ä"hnlich wie beim Thema Alkohol im Straßenverkehr kann dies nur durch eine - zugegebenermaßen kostspielige - Ausweitung der Kontrollen geschehen. In einer Zeit, wo sich der Sport ohnehin immer stärker wirtschaftlich orientiert, ist dies nichts anderes als eine sinnvolle Investition.

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