Die Psychologie des Anabolika-Mißbrauchs

Dr. Dieter Zittlau

Anabolika und Minderwertigkeitsgefühl


Ich bin schon häufig gefragt worden, ob viele Bodybuilder sich eigentlich nur deshalb in ein exzessives Training und in den Anabolikamißbrauch stürzen, weil sie im Grunde ihres Herzens an einem Minderwertigkeitskomplex leiden. Meine Antwort lautet regelmäßig, daß ich in der Tat glaube, daß viele Bodybuilder mit ihrer Sportart ein vorhandenes Minderwertigkeitsgefühl kompensieren, daß ich aber daran nichts auszusetzen habe, so lange diese Kompensation erfolgreich ist. Mit anderen Worten: wenn ein Bodybuilder sich zu Beginn seiner Karriere zu schwächlich und minderwertig vorkommt, und es ihm aber einige Jahre später mit einem fünfziger Oberarm deutlich besser geht, so ist dies nicht verwerflich, sondern offensichtlich eine erfolgreiche Selbsttherapie. Problematisch wird diese Selbsttherapie aber in dem Moment, wo sie mit Unmengen von Anabolika gekoppelt wird, weil die Betroffenen glauben, ihr Ziel nicht anders erreichen zu können. In diesem Falle haben sie allerdings gute Chancen, aus einer harmlosen seelischen Störung eine handfeste seelische und oft auch körperliche Krankheit zu machen.


Doping ist "Drogenmißbrauch"

Es ist mittlerweile klar, daß das Stichwort "Drogenmißbrauch" nicht mehr nur für gesellschaftliche "Aussteiger" oder "Gescheiterte" wie Heroinfixer und frustrierte Alkoholiker zu reservieren, sondern es auszudehnen auch auf die sogenannten "Macher", diejenigen Menschen, die Drogen nur deshalb einnehmen, weil sie sich ohne diese Stoffe dem Leistungsdruck nicht gewachsen fühlen, die sich aber andererseits diesem Leistungsdruck auch nicht verweigern wollen. Diese Gleichsetzung gilt um so mehr, als sich einige leistungssteigernde Drogen, wie wir im letzten Abschnitt zeigen werden, in ihren langfristigen Auswirkungen nicht wesentlich von der Wirkung sog. "harter" Drogen unterscheiden und der Verdacht nicht von der Hand gewiesen werden kann, daß sie in etlichen Fällen die Entstehung schwerer Geisteskrankheiten, sogenannter "Psychosen", zumindest begünstigt haben.


Anabole Steroide und psychische Folgen

Ich hatte in wissenschaftlichen Veröffentlichungen bereits von diversen Fällen berichtet, in denen es bei Bodybuildern nach exzessiven Anabolikamißbrauch zu erheblichen Persönlichkeitsstörungen gekommen war. Diese Personen klagten später über Depressionen, Entzugserscheinungen und erhebliche Beeinträchtigungen des persönlichen Befindens. Während der Anabolikaeinnahme kam es zu starken Stimmungsschwankungen, starken Depressionen sowie euphorischen Überreaktionen und emotionalen Entgleisungen, die überwiegend aggressiver Natur waren. Die Betroffenen schmissen mit Hanteln um sich, kämpften mit bloßen Händen gegen Bullen auf der Weide, schlugen geschlossene Türen ein und vieles mehr. Einige Bodybuilder haben sich aus diesem Grund bereits aus dem Gefängnis an mich gewandt. Ich mußte es in jenen Veröffentlichungen wie auch in meinen Schreiben an die damit befaßten Anwälte offen lassen, ob nicht bereits eine Persönlichkeitsstörung vorgelegen hat, bevor diese Bodybuilder zur Droge gegriffen haben, oder ob diese Veränderung in erster Linie auf die Anabolika selbst zurückzuführen ist. Die Frage war also, ob die anabolen Hormone lediglich latent vorhandene Aggressionen freisetzen, ähnlich wie man es z.B. vom Alkohol kennt, oder ob sie tatsächlich das "Wesen" des Betroffenen verändern und ihn damit dauerhaft in eine für ihn selbst nicht beherrschbare, wenngleich auch selbstverschuldete Zwangslage bringen. In den letzten Jahren mehren sich nun die Anzeichen dafür, daß ein Anabolikamißbrauch doch zu erheblichen Veränderungen in der Persönlichkeitsstruktur führt, insbesondere wenn hier ein ganzer "Cocktail" von Mitteln, teilweise kombiniert mit Aufputschmitteln, eingenommen wird. Wenngleich auch schlüssige Beweise in diesem Bereich schwer zu erbringen sind, so sind diese Anzeichen doch bedrohlich genug, um sie der Ä–ffentlichkeit immer wieder vor Augen zu führen. Um dies zu verstehen, bedarf es jedoch einiger kurzer Erläuterungen. Von den leichteren und in einigen zivilisierten Ländern sehr häufigen Persönlichkeitsstörungen wie den Neurosen unterscheidet man als schwere Formen die Psychosen. Diese besiegelten früher unter der Bezeichnung "Geisteskrankheiten" oder "Irresein" oftmals das zukünftige Schicksal der von dieser Diagnose Betroffenen als lebenslange Patienten einer geschlossenen Anstalt. Die Weltgesundheitsorganisation faßt hierunter solche "krankhaften Zustände, in denen die Beeinträchtigung der psychischen Funktionen ein solches Ausmaß erreicht, daß dadurch die Einsicht und die Fähigkeit, einigen üblichen Lebensanforderungen zu entsprechen, oder der Realitätsbezug erheblich gestört ist". Zu diesen Beeinträchtigungen können gehören: Denkstörungen, das Gefühl von fremden Kräften kontrolliert zu werden, Wahnideen aller Art, gestörte Wahrnehmung, völlig unangemessene Gefühlsreaktionen, Rückzug in sich selbst, Überaktivität und vieles andere mehr. Hervorzuheben sind noch die verschiedenen Arten des Beziehungswahns, in dem die Betroffenen alles Geschehen in ihrer Umwelt auf falsche, unrealistische und in der Regel ungünstige Weise auf sich beziehen. Dies kann in Extremfällen zu Verfolgungs-, Schuld-, Eifersuchts-, Macht- oder Größenwahn führen. Allgemein teilt man die Psychosen in zwei Gruppen:

endogene Psychosen

ohne erkennbare körperliche oder äußere Ursachen. Hierzu gehören insbesondere die bekannten Schizophrenien und die manisch-depressiven Krankheiten, sowie evtl. als Besonderheit die Paranoia als ein in sich geschlossenes und teilweise sogar logisch aufgebautes Wahnbild.

exogene Psychosen

die medizinisch-körperlich begründbar sind. Als Ursachen können körperliche Erkrankungen oder Funktionsstörungen angenommen werden, also z.B. Infektionskrankheiten, Stoffwechselstörungen, Hirnschädigungen, Vergiftungen. Es liegt nahe, daß eine erhebliche Persönlichkeitsveränderung in Folge des Mißbrauchs von anabolen Steroiden ggf. in die zweite Gruppe einzuordnen ist. Welcher Art die Symptome nun im Einzelnen sind, schilderte vor zehn Jahren eine mittlerweile bekannte amerikanische Studie, die von Harrison G. Pope und David L. Katz aus dem McLean Hospital in Belmont durchgeführt wurde. Dabei scheinen psychotische Störungen sogar bereits bei sogenannten "therapeutischen" Dosen aufzutreten: So wird berichtet von einem vierzigjährigen Kaufmann, dem gegen seine aus einer anderen Krankheit resultierende Impotenz Methyltestosteron verordnet worden war. Innerhalb von zwei Wochen stellten sich schwere Depresionen, Schlafstörungen, Schuldgefühle und optische und akustische Halluzinationen ein. Ein zweiundzwanzigjähriger Arbeiter und Bodybuilder machte zwei sogenannte "Anabolikakuren" mit Methandrostenolon, einem gebräuchlichen Anabolikapräparat ähnlich dem 1982 in Deutschland wegen seiner Nebenwirkungen aus dem Verkehr gezogenen "Dianabol". Während der Einnahme über insgesamt etwa 15 Wochen berichtete er von Verwirrungszuständen und Schlafstörungen. Danach beklagte er Depressionen, unruhigen Schlaf, Albträume, beständiges Gefühl von Angst und eine leichte Agoraphobie, d.h. die Angst vor weiten Plätzen oder breiten Straßen. Diese Symptome dauerten etwa vier Monate nach der letzten Einnahme an. Am Ende dieser Periode nahm er eine wesentlich höhere Dosierung Methandrostenolon und erlebte nun starke Stimmungsschwankungen und Anflügen von Beziehungswahn. Er glaubte schließlich, mit seinen Gedanken die Fernsehbilder beeinflussen zu können und versprach einem Freund, ihm Gott vorzuführen. Bemerkenswert aus meiner Sicht ist allerdings, daß sich die Betroffenen - und dies gilt auch für die amerikanische Studie - trotz aller sonstigen Ausfallerscheinungen sehr gut an Zeitpunkte und Dosierungen ihres Mißbrauchs erinnern können und demzufolge recht präzise Angaben machen können. So haben mir Bodybuilder, die mittlerweile an erheblichen psychischen Störungen litten, noch sehr detailliert Art und Umfang ihres Anabolikagebrauchs beschreiben können. Möglicherweise liegt dies daran, daß diese Drogen in der Zeit der Einnahme quasi eine Art zentraler Lebensinhalt darstellen. Der Kraftgewinn und die Steigerung des Körpergewichts ist bei derart exzessivem Anabolikagebrauch teilweise recht bemerkenswert, sofern wir die Angaben der Betroffenen als wahr unterstellen. So schilderte mir ein von eben jenen psychischen Störungen betroffener Bodybuilder, daß er als Achtzehnjähriger bei der Musterung vor der Anabolikaeinnahme 53,5kg Körpergewicht auf die Waage gebracht habe. Ein paar Jahre und einige Anabolika-Kuren später lag sein Gewicht bei 102kg! Solche "Erfolge" liegen weit über denen, die man in kontrollierten Versuchen mit Anabolika nachweisen konnte. Pope und Katz erklären die teilweise verblüffenden Erfolge ihrer Athleten damit, daß diese regelmäßig Dosierungen vereinnahmt haben, die um das zehn- bis hundertfache höher sind, als sich die Wissenschaftler in medizinischen Versuchen zu verabreichen trauen!


Viel hilft viel?

Ein exakter mengenmäßiger Vergleich wird allerdings dadurch erschwert, daß diese Sportler bisweilen zu Anabolikapräparaten greifen, die in medizinischen Versuchen niemals verwendet würden. So haben mir Sportler berichtet, daß sie sich einen Teil der Drogen in tierärztlichen Praxen erschwindelt haben, indem sie ihre "schwachen" Schäferhunde "behandeln" ließen. Ein Bodybuilder, der wegen psychotischen Verhaltens auffällig geworden war, schilderte mir den Umgang mit den Anabolika so: "Danach bin ich gezielter ... an die Sache herangegangen: Ich habe die Kuren immer aus zwei oder drei verschiedenen Mitteln zusammmengesetzt." So kombinierte er Megagrisevit, Decadurabolin, Testosteron, Nerobol, Primobolan und Stromba in geradzu abenteuerlichen Dosierungen. Eine bei Gelegenheit beim Arzt durchgeführte Untersuchung ergab nach seinem eigenen Bekunden ein "katastrophales" Ergebnis. Aus Angst vor einer weiteren ähnlichen Diagnose ist er sodann gar nicht mehr zum Arzt gegangen, insbesondere weil es ihm, wie er mir schrieb "noch immer sehr gut ging". Aber selbst wenn es den Kandidaten nicht mehr gut geht, hören sie deshalb noch lange nicht auf. So schrieb mir ein anderer, ebenfalls an psychotischen Symptomen leidender Bodybuilder: "Körperlich war ich nach Jahren völlig aufgeschwemmt und oft total gelb am ganzen Körper. Blutdruck war oft über 200, manchmal kam es sogar zur völligen Impotenz, oft hatte ich schwere innere Krisen und schlimmste Depressionen." Dies deckt sich mit den Ergebnissen der amerikanischen Studie. Von 41 befragten Bodybuildern und Footballspielern haben in der amerikanischen Befragung ein Drittel erhebliche affektive Syndrome, wie z.B. Depressionen, fünf Sportler haben sogar ausgeprägte psychotische Verhaltensweisen in Zusammenhang mit dem Gebrauch von anabolen Streoiden berichtet. So glaubte einer fünf Wochen lang fremde Stimmen zu hören, ein anderer entwickelte die paranoide Idee, beständig von den eigenen Freunden bestohlen zu werden, ein weiterer bildete sich ein, ein Auto allein hochheben und umdrehen zu können. Solche Anfälle von übersteigertem Prestigebedürfnis sind jedoch noch vergleichsweise harmlos gegen den Mann, der sich einen alten Wagen kaufte und diesen mit 40 Meilen pro Stunde gegen einen Baum fuhr, wobei er sich von einem Freund auf Video aufnehmen ließ. Die hier zu Tage tretende Aggressionsneigung richtet sich allerdings keineswegs nur gegen den Anabolikanutzer selbst. Weil ein voranfahrender Autofahrer vergessen hatte, seinen Blinker abzustellen, stieg einer unserer Sportler an der nächsten Kreuzung aus und zerschlug ihm die Windschutzscheibe. Ein mir bekannter Bodybuilder demolierte als Fußgänger aus einer Laune heraus ein an einer Kreuzung stehendes Auto, weil ihn der Autofahrer zuvor "dumm angemacht" habe.

Die psychiatrische Vorgeschichte der Anabolika-User gibt außer den erwähnten Minderwertigkeitsgefühlen keinen Hinweis auf bereits vorhandene schwere Persönlichkeitsstörungen, wenn man davon absieht, daß fast die Hälfte der Beteiligten eine allgemeine Neigung zum Drogenmißbrauch zu haben scheint (z.B. Alkohol, Haschisch und Kokain), wenngleich z.Zt. der Anabolikaeinnahme in der Regel keine anderen Drogen genommen werden, sondern scheinbar "gesund" gelebt wird. Mittlerweile beobachte ich allerdings verstärkt die Neigung zu einer Kombination mit Aufputschmitteln, etwa mit dem bekannten Clenbuterol.

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