Kann denn Leistung Sünde sein?

Dr. Dieter Zittlau

Doping und gesellschaftlicher Wertewandel


Doping ist nichts anderes als Drogenmissbrauch im Sport. Die Motivation des dopenden Sportlers ist jedoch zweifellos anders als die des "klassischen" Junkies, wenngleich in letzter Konsequenz manche verblüffende Parallele und Ähnlichkeit besteht.

Das Verhalten eines Leistungssportlers ist zumindest in seinem Training in hohem Maße zielgerichtet, d.h. der Einsatz der Droge dient einem klar definierten Zweck und das Ziel ist darüber hinaus gesellschaftlich akzeptiert. Aber: Wenn alles, was man im Sport macht, dazu dient, die eigene Leistung zu steigern, soll man dann auch wirklich alles machen, was die Leistung steigern könnte?

So beklagt die Olympiateilnehmerin Brigitte Berendonk einen allgemeinen Werteverfall durch eine "ins Übermächtige gewachsene Schar von dopingfördernden Funktionären, Politikern, Sportmedizinern, Trainern ... und betrügerischen Sportler(n), die durch ihr Doping dem Leistungssport seine guten Argumente, seine Existenzgrundlage entzogen haben, nämlich Gesundheit und Erziehung, körperliche Integrität und Fairness". Tatsächlich scheint der pharmazeutisch getunte Leistungssport allerdings recht gut existieren zu können. Offenbar sind die von Berendonk zitierten sportlichen Werte nicht ersatzlos gestrichen worden, sondern an ihre Stelle sind Werte wie Erfolg, Leistung und Geld getreten, eben jene Werte also, die unsere Gesellschaft ohnehin in weiten Bereichen bestimmen. Anscheinend vollziehen Sportler also nur nach, was ihnen in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, z.B. von den führenden Köpfen der Politik und der Wirtschaft, vorgelebt wird.

So berechtigt in diesem Zusammenhang vielleicht moralische Argumente sein mögen, so wenig dürften sie in der Praxis bewirken. Interessanter und wirksamer erscheint mir hingegen die pragmatische Frage, ob mit dem Einsatz von Anabolika das angestrebte Ziel der Leistungssteigerung und des Erfolges überhaupt erreicht wird.


Anabolika. Der Erfolg aus der Retorte?

Alle hormonellen Anabolika leiten sich von dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron ab. Letzteres hat zum einen eine androgene Wirkung, indem es die Geschlechtsmerkmale bestimmt, und zum anderen eine anabole Wirkung, indem es den Eiweißaufbau der Skelettmuskulatur begünstigt. Die weite Verbreitung der Anabolika im Sport scheint seltsamerweise die Folge einer speziellen Variante des (hoffentlich vergangenen) kalten Krieges zwischen Ost und West, insbesondere zwischen der Sowjetunion und den USA zu sein. Als Testosteron in den fünfziger Jahren erstmals im internationalen Sport von den Russen eingesetzt wurde, konterten die Amerikaner mit dem Einsatz des von CIBA entwickelten Anabolikums Dianabol. Dieses wurde daraufhin unter den Schwerathleten äußerst populär und fand bald auch in anderen Sportarten Verbreitung, ganz besonders im Bodybuilding. Heute ist eine Vielzahl von Anabolika-Präparaten "auf dem Markt", und größere Marktanteile sind pikanterweise häufig die Folge unfreiwilliger (?) "Werbeauftritte", wie z.B. der Sprint-Siege von Ben Johnson.

Zweifellos zeigen Anabolika Wirkung, dies allerdings in mehrfacher Hinsicht. Relativ gut gesichert ist die Zunahme des Körpergewichts, wenngleich ein nicht unerheblicher Prozentsatz davon auf die verstärkte Elektrolyt- und Wasserretention entfallen dürfte. In höherer Dosierung dürfte auch ein psychotroper Effekt im Sinne von gesteigerter Aggressivität und Leistungsbereitschaft sehr wahrscheinlich sein. Die dadurch verbesserte Trainingsmotivation wirkt sich möglicherweise letztendlich stärker auf das Muskelwachstum aus, als die rein biochemische Wirkung der meisten Anabolika. Andererseits erhöht körperliches Training möglicherweise die Bindungsfähigkeit des Muskels für Testosteron und andere Anabolika, so dass sich sozusagen in einem "zweiten Schritt" auch die Eiweißsynthese "vor Ort" verbessert.


Vom Homo-Sapiens zum Neandertaler: Evolution rückwärts?

Die psychischen Veränderungen können bei extremen Überdosierungen, wie sie insbesondere im Bodybuildinglager beobachtet werden können, derart massive Ausmaße annehmen, dass hier von einer exogenen Psychose, d.h. von einer von außen bewirkten Geisteskrankheit, gesprochen werden kann. Der positive Einfluss auf die Leistungsbereitschaft, das Gefühl "Bäume ausreißen zu können", schafft zudem die psychischen Voraussetzungen für eine echte Sucht, wobei von den Betroffenen in zunehmendem Maße nach dem Absetzen echte Entzugserscheinungen geschildert werden.

Zu den weiteren möglichen Nebenwirkungen zählen Prostatakarzinome, Zunahme der Körper- und Gesichtsbehaarung, gesteigerte Talgproduktion einschließlich der (leider schon typischen) "Bodybuilderakne", Libidoveränderungen (anfängliches Ansteigen und später häufig Verlust der sexuellen Interessen), verminderte Spermienproduktion, Tieferwerden der Stimme und Lebertumore. Der zunehmende exzessive Gebrauch in Megadosen von Anabolika hat in immer stärkerem Maße das Augenmerk auf Störungen des Herz-Kreislauf-Systems und Störungen des Fettstoffwechsels gelenkt. So führt die eingangs geschilderte Flüssigkeitsretention u.a. zu einer Erhöhung des Blutvolumens. Gleichzeitig sind in diesen Fällen vereinzelt beträchtliche Blutdruckerhöhungen gemessen worden.

Offenbar sind Männer in höherem Maße von Herz- und Gefäßerkrankungen betroffen als Frauen. Etliche Forscher führen dies auf den höheren Anteil androgener Hormone zurück, die eine ungünstige Wirkung auf das Lipoproteinprofil (Blutfette) haben sollen. So weisen Männer in der Regel eine schlechtere Verteilung von HDL- und LDL-Cholesterin auf. Dieses Risikoprofil scheint sich bereits bei der Einnahme von geringen Anabolikadosen erheblich zu verschlechtern. Möglicherweise wird ein Schlüsselenzym (Lezithincholesterolacyltransferase) durch Anabolika außer Kraft gesetzt (P. Rahkila). Auf diese Weise kommt es zu einer Verminderung des "guten" HDL-Cholesterins und teilweise extremen LDL-Werten. Bereits bei "therapeutischen" Dosen wird darum von einem erhöhten Herzinfarktrisiko gesprochen. Es nimmt deshalb nicht Wunder, wenn Gewichtheber und Bodybuilder, die teilweise mit geradezu abenteuerlichen Dosierungen arbeiten, mittlerweile während des Wettkampfes oder kurz danach zusammenbrechen und damit der Öffentlichkeit ein "überzeugendes" Symbol von Fitness bieten. Wird darüber hinaus in der gleichen Unmäßigkeit das z.Zt. sehr populäre Wachstumshormon STH (somatotropes Hormon aus dem Hypophysen-Vorderlappen) eingesetzt, so kann es zu einer künstlich herbeigeführten "Akromegalie" kommen. Diese äußert sich z.B. in einem abnormen Wachstum einzelner Schädelknochen, der Nase und der Extremitäten und "... der Gesichtsausdruck ähnelt dann dem eines Neandertalers" (W. Taylor).

Außer zu anabolen Steroiden greifen die Athleten gerne noch zu psychomotorischen Stimulanzien, wie den nicht minder weit verbreiteten Amphetaminen, die als Bestandteil zahlreicher "Wachmacher" als Aufputschmittel missbraucht werden. Diese teilweise mit dem Stress-Hormon Adrenalin verwandten Stoffe regen Herz, Kreislauf, Atmung und Stoffwechsel an, sind aber mitunter so wirksam, dass sie von einem unerfahrenen Sportler gar nicht eingesetzt werden können. In "richtiger" Dosierung führen Amphetamine zu euphorischen Stimmungen und erhöhtem Selbstvertrauen, sie steigern die Lust zur körperlichen Betätigung und Bewegung und verringern das Schlafbedürfnis. Sie sind somit eindeutig leistungssteigernd. Gerade die Dosierung ist aber so problematisch, dass sie von einem Laien kaum beherrscht werden kann. Auch das vegetative Nervensystem lässt sich dopen. Diese Funktion erfüllen die sogenannten sympathomimetischen Amine, zu denen z. B. das schon im Altertum bekannte Ephedrin gehört. Die durch Ephedrin hervorgerufene Blutdrucksteigerung hält länger an als nach Adrenalin, was aber wegen der damit verbundenen Anregung auch über Nacht langfristig wegen Schlaflosigkeit wieder zur Leistungsverminderung führt. Zumindest für den ersten Tag der Einnahme werden jedoch teilweise deutliche Leistungsverbesserungen gefunden. Das derzeit "berüchtigste" Sympathikomimetikum ist das Asthma-Mittel Clenbuterol (z.B. in "Spiropent"), dass durch die Sprinterin Katrin Krabbe zu einer traurigen Berühmtheit gekommen ist. Da dieses Mittel zumindest in der Kälbermast bereits "erfolgreich" missbraucht wurde, haben wir es hier vermutlich mit einer anabolen wirkenden Substanz zu tun, die allerdings kein anaboles Steroid ist. Freimütig bekennt Manfred Bachmann, der Autor einer bemerkenswerten Werbe-Broschüre für Clenbuterol , dass die Einnahme sich für viele Sportler allerdings nicht lohnt, weil diese bereits genügend mit anabolen Steroiden gesättigt sind: "Bodybuilder, die für einen Wettkampf trainieren, nehmen in der Regel genügend Steroide, so dass sich diese von der anabolen Wirkung des Clenbuterol nicht mehr viel versprechen können. Diese Gruppe nimmt Clenbuterol am besten ausschließlich zur Fettverbrennung."

Dass selbstverständlich auch Clenbuterol Nebenwirkungen wie Herzklopfen, Unruhegefühle, Fingerzittern u.ä. hervorrufen kann, wird nicht verschwiegen, aber dafür nach der Devise "da muss man durch" zur Nebensache erklärt. Wörtlich: "Es ist wichtig die ersten 8 - 10 Tage zu 'überstehen'". In einer mit "Update 1" betitelten Beilage werden sodann verschiedene Hinweise für die Kombination von Clenbuterol mit anabolen Steroiden gegeben.

Auch der durch seinen tragischen Tod erst wirklich berühmt gewordene Andreas Münzer benutzte zum Aufputschen Ephedrin, zur Beruhigung Valium und zum Muskelaufbau Clenbuterol. In der Wettkampfphase wurden seine Cocktails immer abenteuerlicher: Testoviron-Depot, Parabolan, Masteron, Metandienon, Stromba und Insulin wurden in geradezu unglaublichen Mengen kombiniert und eingenommen.


Muskelschwund durch Anabolika?

Die durch die Anabolika beschleunigte Zunahme der Muskulatur geschieht sowohl durch eine vermehrte Synthese als auch durch einen verminderten Abbau der Muskelsubstanz. Dadurch kommt es auch zu einer "Vermehrung minderwertiger Muskelfibrillen" , die zwar den Muskelquerschnitt vergrößern, die jedoch im Falle einer intensiven Belastung nicht mehr versorgt werden können. Diese Unterversorgung kann insbesondere dann auftreten, wenn ein Bodybuilder in dem Bemühen eine bessere Definition zu erreichen, die Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme stark einschränkt. Vereinzelt nimmt dieser Versorgungsengpass derart dramatische Ausmaße an, dass erhebliche Teile der mit so viel Mühe aufgebauten Muskulatur zugrunde gehen. Im Extremfall droht dann ein akutes Nierenversagen mit tödlichem Ausgang.

Aber auch, wenn der schnelle Muskelaufbau gelingt, steht der Athlet vor dem Dilemma, dass Sehnen, Bänder und Knorpel das beschleunigte Wachstum nicht mit vollziehen können. Aus diesem Grunde kommt es bei Anabolika-Benutzern viel häufiger als bei anderen Sportlern zu Verletzungen in diesen Bereichen. Darüber hinaus greifen Anabolika das Sehnengewebe möglicherweise sogar direkt an.


Die Dealer machen Kasse

Anabolika werden gekauft um die sportliche Leistung zu steigern, und sie werden verkauft, um daran zu verdienen. Dass ärztliche Rezepte die Bedürfnisse des Marktes schon lange nicht mehr befriedigen können, dürfte jedem Insider klar sein. In der bereits erwähnten Clenbuterol-Broschüre wird jedoch Hartnäckigkeit angeraten: "Ist der Arzt trotz allem nicht bereit, Clenbuterol zu verschreiben, lassen Sie sich nicht entmutigen. Gehen Sie zum nächsten Arzt und versuchen Sie es dort." Ansonsten wird unumwunden empfohlen, sich auf dem "Schwarzmarkt" umzusehen, wobei (wem fallen da nicht Parallelen ein?) Hinweise gegeben werden, um den "echten" Stoff zu identifizieren. Da der Vertrieb und Verkauf von Anabolika in Deutschland verboten ist, findet er zwangsläufig in einer Art "Untergrund" statt, der sich ähnlich wie bei anderen Drogen auf bestimmte Stätten konzentriert. Die Hauptumschlagplätze liegen zumeist strategisch günstig dort, wo auch die Nähe zum Endverbraucher gegeben ist, d.h. in einigen "einschlägigen" Sportstudios und Sportstätten. Damit sollen keineswegs pauschal alle Sportstudios als Drogenhöllen verschrien werden, wie so oft trüben aber etliche schwarze Schafe das Bild der ganzen Herde. Wie auch bei anderen Drogen, scheint sich der Handel mit Anabolika zu lohnen. So berichtet Brigitte Berendonk von einem "Dealer-Duo", das pro Jahr über eine halbe Million DM in Steroiden umsetzte, bei einem Gewinn von mindestens 150.000DM. In dem Strafverfahren wurden insgesamt 51 Abnehmer festgestellt, bevorzugt Fitness-Center und Bodybuilding-Studios. Die Kollision mit dem Arzneimittelgesetz (AMG) und evtl. sogar mit dem Betäubungsmittelgesetz (BtmG) kann teuer werden. Verboten ist sowohl die Einfuhr als auch der Handel mit der verbotenen Substanz, im Falle eines Betäubungsmittels auch der Besitz und die Einnahme. So wurde der Gewichtheber Karl-Heinz Radschinsky wegen Handels mit Dopingmitteln zu 18 Monaten Freiheitsentzug (mit Bewährung) und 35.000DM Geldstrafe verurteilt. Vermutlich werden diese Strafen bei dem Anabolikahandel unter dem Strich genau so wenig bewirken, wie die viel schärferen Strafen bei dem restlichen Drogenhandel ausrichten konnten. Letztlich bleibt es in der Verantwortung und der (vernünftigen?) Abwägung des Einzelnen, was er auf dem Weg zum Erfolg für einen Preis zu bezahlen bereit ist.

Die neue Bundesregierung (2009) erwägt, Anabolikamißbrauch strafrechtlichen Konsequenzen zu unterziehen. In Frage käme hier zunächst der Tatbestand des Betrugs. Ansonsten müssten weitere einschlägige Gesetze geändert werden.

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